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Eine Fortsetzungsgeschichte, einfach zum Lesen und zur Entspannung von Ch. Leypoldt

Manuel Zip kam sich in diesem Augenblick, als er über die für ihn bedrohlich wirkende Frage seines Ethik – Lehrers, ob er ein Wagnis eingehen würde, das sein Leben kosten könnte, nachdachte, wieder einmal vor wie in den Momenten, als er in seinem Zimmer saß und über den Mathematik – Aufgaben brütete, während beruhigende Regentropfen auf das in der Schräge eingebaute Dachfenster prasselten.
Sein Blick wanderte immer wieder zu den Tropfen, die langsam die Scheibe hinab glitten. Alle möglichen Gedanken gingen ihm dann durch den Kopf. Er fragte sich, warum gerade ihn das Schicksal traf, jetzt Hausaufgaben machen zu müssen, insbesondere solche. Ja, Lesen im Deutschunterricht oder spannende Romane lesen zu Hause, das war schon etwas anderes oder Ideen umsetzen im Kunstunterricht wie neulich, als er diese provokative Aufgabe erhielt, bei der es darum ging, den Beobachter zum Nachdenken anzuregen und ihn mit einem kritischen Thema zu konfrontieren.
Das Thema Fernsehen hatte er gewählt und aus Pappmache Menschen hergestellt, die auf Sesseln ihre fetten Leiber zusammenquetschten, während sie kauend den stilisierten Fernsehgott betrachteten. Dafür hatte er ein Werbeplakat gedruckt, das eine hintereinander her laufende Gänsefamilie zeigte. Dieses hängte er in eine Kastenform aus Holzlatten und nagelte das Ganze an ein Kreuz. Richtig Spaß hatte ihm die Aufgabe gemacht, im Keller rumzuwühlen und nach entsprechenden Materialien zu suchen. Was hatte er nicht alles entdeckt. Den ganzen Tag hätte er dort verbringen können. Und was gab es da nicht alles an Gerümpel, aus dem man wahre Kunstschätze produzieren könnte. Modern war es ja ohnehin, aus Abfall Kunst zu machen. Wer weiß, vielleicht würde er eines Tages berühmt werden wie Josef Beuys, von dem er mal was gesehen hatte, als er mit seiner Mutter im Kunsthaus gewesen war. Kunst liebte er oder Sportunterricht! Das war auch nicht schlecht. Raus aus den Klamotten, Sporthose und T – Shirt übergezogen und dann zum Antreten. Da fragte keiner nach vergessenen Hausaufgaben oder nach einer Formel. Da war man einfach Mensch, mit 2 Füssen, die rennen mussten, zwei Armen, die einen Ball fangen mussten, einem Hinterteil, das man mühsam über einen Kasten hieven musste oder einem Kopf, den man auf seinem Hals kreisen lassen durfte, bis man Sorge hatte, er würde einem abfallen. Das war doch das echte Leben. Da spürte man wenigstens, dass man da war. Da war der Kopf plötzlich wieder ein Körperteil wie es sich gehörte, ein Körperteil, das man wahrnehmen konnte, aber nicht wie bei Mathe ein „Nichts“, von dem man nicht wirklich wusste, ob es existierte. Und dann diese Gesichter, die ihn in seinem Lieblingsunterricht erwarteten. Herr Wurz, der zu klein geratene, kurz vor der Pensionierung stehende Mathelehrer mit seinem kleinen Spitzbauch, den er vor sich hertrug, als wollte er damit seine Wichtigkeit unterstreichen und mit seinen spärlichen strohweißen Haaren. Nur Zahlen und Formeln hatte er im Kopf und sah einen über seine Hornbrille weg immer mitleidig an als wolle er sagen: “Meine Güte, was geht auch nur in deinem Kopf vor! Wie kann man von diesem Jungen, der immer abwesend ist und dessen Gedanken sich in Träumen verlieren oder womöglich gar nicht existieren, auch nur eine richtig gelöste Mathe – Aufgabe erwarten.“ Natürlich nahm Zip das diesem weltfremden „Einsteinchen“, so nannten sie ihn in der Klasse, nicht übel. Was wusste auch der vom richtigen Leben. Bestimmt hatte er noch nie im Dreckhaufen gewühlt, fuhr weder Ski noch war er je auf einen Baum geklettert, dessen Äste so dünn waren, dass das Wagnis einem Roulettspiel glich Verständnis konnte man also von so einem nicht erwarten. So wenig wie von seinem Vater. Der sagte ihm immer wieder, dass Zahlen soooo wichtig seien. Ohne Zahlen sei ein Leben nicht denkbar. „ Sohn“, sagte er, „Mathe ist das wichtigste Fach in der Schule und Zahlen sind wie Geldscheine. Sie öffnen dir Türen, wenn du sie beherrschst. Schau nur mich an – hätte ich es je so weit gebracht, wenn ich nicht den ganzen Tag Zahlen im Kopf hätte? Umsätze, Gewinne, Einkaufspreise, Telefonnummern, Bankkonten, Zinsen – alles Zahlen“. Und dann rechnete er im allgemeinen seine Erfolge auf, wie er aus seinem armseligen Dasein bei seiner armen und unfähigen Familie ausgebrochen war und schon von jüngster Jugend an Pläne im Kopf hatte und die Gewissheit, sie Realität werden zu lassen, wie er sich schon als Junge ausgerechnet hatte, was er an Geld brauchte, um sich ein Auto zu kaufen, ein Haus zu bauen und all das umsetzen zu können, was er sich wünschte. Und während er erzählte mit diesem gewissen Unterton in der Stimme, der seiner Familie gleichzeitig zeigen sollte, wie fähig er war und dem Sohn dessen eigene Unfähigkeit demonstrierte, betrachtete ihn Manuel oft aus seinen Augenwinkeln. Er musste ihn ja bewundern. Er hatte es zu etwas gebracht und das musste man neidlos anerkennen. Aber irgendetwas im Gesicht und in der Stimme, ja in der ganzen Haltung des Vaters weckte seinen inneren Protest, seine Abscheu und manchmal seinen Ekel, obwohl ihn sein Gewissen ständig ermahnte, seinen Vater zu lieben. In seltenen Augenblicken wenn sie den gleichen Gedanken hatten oder über etwas lachen mussten, das niemand außer ihnen lustig fand und sie sich vor Lachen bogen und prusteten und einen roten Kopf bekamen, weil ihnen vor Lachen die Luft ausging, in solch seltenen Augenblicken, in denen auch der Vater seine Umgebung vergaß und sogar die Etikette missachtete, gelang so eine Art Ahnung von Liebe zum Vater in seinem Inneren aufzuleuchten, aber halten konnte er dieses Gefühl nicht. Immer wieder hatte er sich gefragt, was es mit diesem ambivalenten Gefühl auf sich hatte, das ihn seit frühester Jugend verfolgte und das ihm nicht selten ein schlechtes Gewissen gemacht hatte, zumal es wenig gegeben hatte, das er seinem Vater wirklich hatte vorwerfen können. Der war oft großzügig gewesen und hatte die Eskapaden seines Sohnes mit Würde mitgetragen. Aber die meiste Zeit hatte er eben Zahlen im Kopf und seine Firma. Dann hatte sich Manuel immer wieder geschworen: “So nicht!“. Anders, ganz anders sollte es bei ihm werden. Wie, wusste er selbst noch nicht, aber dass es anders werden musste, das wusste er genau. Sein Herz hatte ganz anderen Dingen gehört als Materiellem. Gedichte hatte er geliebt von tragischen Helden und Sehnsüchten, von Verlassenen und Verlorenen. Wie oft hatte er mit ihnen gelitten und sich in ihren Kummer hineinversetzt als ob es sein eigener wäre. Ganze Tage und Wochen hatte er in Trauer verbracht und Herz zerbrechend geweint, bis er sich fühlte wie ein ausgelaugter Schwamm, wie ein ausgewrungenes Turnhemd, aus dem man keinen Tropfen mehr herausdrücken konnte. Danach war ein merkwürdiger Zustand über ihn hereingebrochen, eine Mischung aus Müdigkeit, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit und er brauchte oft tagelang, um wieder Fuß zu fassen in der Welt. In solchen Phasen hatte er unter seiner Umgebung regelrecht gelitten, weil er immer das Gefühl hatte, dass keiner ihn verstand, ihn liebte wie er war und mit ihm in seine Welt eintauchen wollte. Er hätte sich in solchen Augenblicken einen Menschen gewünscht, der ihn einfach in den Arm nahm und bei ihm saß. Aber das war nie eingetreten. Sicher, seine Mutter war ihm in manchen Dingen verwandt. Sie liebte wie er die Natur, hatte ähnliche Vorstellungen von Ästhetik, hatte mehr Beziehung zur Welt der inneren Werte. Aber sie zeigte kaum Gefühlsäußerungen, man hatte immer den Eindruck, dass sie sich davor scheute wie ein Reh, dessen Heimat die Stille ist und das bei jeder menschlichen Wahrnehmung in den Wald flüchtet. Auch jetzt würde er einen Menschen brauchen, der ihn verstand, der ihn tröstete und der ihn aus seinen Fluchtgedanken herausholte. Natürlich hatte er seine Vision von einem anderen Dasein nicht vergessen und er liebte sie noch immer, so wie er schon als kleiner Junge in der Grundschule seine unklaren, unbestimmten Träume und Visionen geliebt hatte. Damals hatte er oft im Schuppen hinter dem Haus Theater gespielt mit den Nachbarskindern. Von Rittern und Hofdamen hatten sie geträumt mit edlen Gewändern, zu denen man mit Hochachtung aufblicken konnte, da sie alle erstrebenswerten Eigenschaften verkörperten wie Treue, Liebe, Achtung, Respekt, Wissen, Reichtum, Gerechtigkeit, Kampfgeist, Disziplin, Kultur und Anstand. Getanzt hatten sie, gesungen und gelacht, Reden gehalten und das „Schreiten“ geübt. Ihre Fantasie hatte den alten Schuppen zu einem herrlichen Schloss gemacht, das inmitten prächtiger Wälder mit atemberaubendem Ausblick hoch oben auf einem Felsvorsprung lag. Die einfache Kleidung, die sie trugen, wurde in ihrer Vorstellung zu Brokatgewändern, zu schweren Samtroben, zu funkelnden, edelsten Stoffen, die schon beim Tragen das Gefühl erzeugten, etwas Besonderes zu sein und die hörbar waren, wenn der Stoff auf dem Boden entlang glitt. Ihre Bewegungen wurden zu einer Art Tanz, zu geschmeidigem Dehnen und Bewegen des Körpers, elegant und schön. Ihre Gedanken verloren alle nieder
trächtigen Worte und gehörten einer reinen Welt. Wenn sie so spielten, verging die Zeit wie im Flug und es fiel ihnen schwer, aufzuhören. Sie konnten sich kaum der Traumwelt entreißen und nur der Gedanke, sobald wie möglich wieder zurückzukehren, ließ sie das Spiel unterbrechen. Dann hieß es zurück in die Welt der Hausaufgaben, der Zahlen, der hell getünchten Zimmer, der erwartungsvollen Blicke des Vaters, zurück in die Welt des Alltags. Immer begleitete ihn dann die Vorstellung: „Eines Tages….“So ging sein Dasein dahin mit Höhen und Tiefen wie bei anderen auch. Es geschah nichts wirklich Spektakuläres. Er wechselte zweimal die Schule, einmal, weil sie umzogen und einmal wegen seines Unvermögens, auf der Schule zu recht zu kommen. Auf der nächsten Schule ging es dann viel besser, was vielleicht auch an seiner eigenen Motivation lag, weil er es sich nicht nachsagen lassen wollte, dass er unfähig war. Das entscheidende, einschneidende Ereignis begegnete ihm mit seinem Ethik – Lehrer Wannerl, einem unscheinbaren, schmalbrüstigen Bayern, dem niemand geglaubt hätte, dass er aus Bayern stammt, wenn er nicht den typischen gemütlichen, runden bayrischen Dialekt gehabt hätte. Er sah nicht bayrisch aus, trug keine bayrische Kleidung, sondern war eher streng preußisch gekleidet, so als müsste er gerade eine Prüfung ablegen und hätte sich für diesen Zweck besonders korrekt zurecht gemacht, um einen sauberen, geordneten, fähigen Eindruck zu hinterlassen. Er ernährte sich auch nicht bayrisch, sondern kaute häufig an einer Mohrrübe oder einer Gurke. Überhaupt hatte man den Eindruck, dass er vorwiegend von Luft lebte, ein Luftgeschöpf war, das kaum Nahrung zu sich nahm, nur eben gerade so viel, dass es zum Überleben reichte. Er interessierte sich auch nicht für bayrische Themen, hatte keinen bayrischen Vornamen, Swen hieß er, völlig unpassend, wie wir fanden und vermutlich eine Wahl seiner Mutter, die sich immer einen hoch gewachsenen, blonden, athletisch gebauten Jungen vorgestellt hatte, wie er uns einmal erzählte. Er war dunkelhaarig, bleich, seine Augen lagen in tiefen Höhlen, die etwas über die Abgründe des Lebens zu erzählen schienen und er hatte einen leicht schlürfenden Gang, so dass man ihn sicher von weitem gehört hätte, wäre er nicht so ein Leichtgewicht gewesen. Das einzig bayrische an ihm war vielleicht seine Nase, etwas zu knollig für sein schmales Gesicht, zu wulstig, zu lebenshungrig, wie die Nase eines dicken Bayern, der dem alkoholischen Gersten – Gebräu nicht abhold war. Swen Wannerl also bekniete ihn damals, in seine freiwillige Meditations – Gruppe zu kommen. Ihm war klar, dass das nur geschah, um den Kurs mit einigen Schülern voll zu bekommen und seine Lehrer – Daseinsberechtigung zu unterstreichen, denn jedem in der Schule war klar, dass die Notwendigkeit des Faches Ethik allein kein Gewicht hatte. Manuel hatte nie so richtig nein sagen können, wohl vor allem aus einer urgeschichtlich vorhandenen Angst heraus, die ihn glauben ließ, seine Existenz sei bedroht, wenn er nein sagen würde. So hatte er schweren Herzens zugestimmt, denn ihm war klar, dass die Zeit, in der er meditieren sollte, unweigerlich für seine Hobbys wie Schlittschuhlaufen, Skifahren, auf Bäume klettern, lustige Streiche mit seinem Freund aushecken und Bücher lesen verloren war. So ging er zur ersten Stunde Meditation mit einem Gefühl von Wut und Aggression im Bauch und wusste nicht, sollte er sich selbst in Stücke reißen vor Zorn oder den Swen Wannerl. Seine 3 weiteren Leidensgenossen saßen schon auf dem Boden auf einer Turnmatte, als er 2 Minuten zu spät herein kam. Der Wannerl begrüßte ihn freundlich und wies ihn an, auch eine Turnmatte aus dem Raum nebenan zu holen und sich im Schneidersitz nieder zu lassen. „Auch das noch“, dachte er, „Kinderarbeit!“ und trabte betont langsam los, um sich die Matte zu holen, schmiss sie dann lustlos auf den Boden und setzte sich mit zusammen gekniffenem Mund, bösem Blick und den Händen in der Taille hin. Wannerl schien davon keine Kenntnis zu nehmen. Er erklärte, dass sie heute ein paar Vorübungen machen würden. Dabei ging es darum, sich in der heutigen Aufgabe nur auf das zu konzentrieren, was sie selbst in ihrem Leben ändern könnten ohne fremde Hilfe und was zu einer Verbesserung ihrer jetzigen Situation beitragen könnte. Dabei sollten sie die Augen schließen. Er schloss die Augen unter innerem Protest und nicht ohne zu spicken, was die anderen für Gesichter machten oder was sie taten und ertappte sich dabei, dass er vor sich hinkichern musste. Wannerl kommentierte dies mit einem: “Nur weiter, alles ist gut“. Manuel hatte keine Lust, sich zu überlegen, wie er selbst seine Situation im Augenblick verbessern könnte und dachte daran, einfach in den Schnee hinaus zu gehen, der in der Sonne so leuchtend und einladend in das Zimmer blinzelte. Er fühlte bereits, wie sich seine Zehen in Bewegung setzten, als ihm klar wurde, dass er gerade damit schon unabsichtlich dabei war, sich genau die Gedanken zu machen, die Wannerl beabsichtigt hatte, nämlich darüber, wie er seine Situation ändern könne. Das ärgerte ihn, hielt ihn aber auch davon ab, sein Vorhaben umzusetzen. Dies, und vielleicht seine Ur – Angst, die Befürchtung, dass dann etwas Furchtbares geschehen oder er etwas Wichtiges versäumen könnte, hielten ihn davon ab, aufzustehen. Es fiel ihm auch nichts weiter ein, was gerade er an seiner Situation hätte ändern können und er verwarf das Suchen nach Lösungen sofort wieder und wandte sich wieder seinen Träumen zu. Immer einmal wieder streifte die Wannerl – Idee seine Hirnrinde, aber nicht, um sich wirklich dort festzusetzen. So wie er es sah, war er dem Schicksal ausgeliefert. Er war gezwungen, in die Schule zu gehen, war gezwungen, seine Hausaufgaben zu machen, sogar Mathe, war durch seine inneren Zwänge selbst gezwungen, in die Meditation zu gehen. Was sollte er schon als unwichtiger Schüler dagegen tun. Klar, wenn er Geld hätte wie sein Vater oder das Wissen wie sein Freund Sebastian, der so klug war, dass er sich in der Schule alles erlauben konnte, ja dann…. Aber mit seinen unnützen Fähigkeiten oder besser Unfähigkeiten! Irgendwie beruhigte es ihn, dass er so machtlos war, denn es entband ihn von der Aufgabe, weiter darüber nachzudenken. Er der kleine Manuel, konnte ja seine Situation nicht ändern. Er hatte zumindest nicht die geringste Idee dazu. Und so schwebten seine Gedanken locker kreisend über seinem derzeitigen Leben und sahen, dass es so furchtbar schlecht gar nicht war. Dies hatte auch den weiteren Vorteil, dass die Aufgabe für ihn gar keinen Sinn machte. Die Stunde war schneller um als gedacht und beim Hinausgehen überlegte er sich, wie er es dem Wannerl wohl beibringen konnte, dass er einfach keine Zeit zum Meditieren hatte. Aber die nächste Meditationsstunde war ja erst in einer Woche und bis dahin würde ihm schon noch was einfallen. Mit diesem Gedanken hakte er auch das Luftgeschöpf Swen ab und ging zu seinem Freund Sebastian, der in der Straße oberhalb ihres Gartens wohnte und vergaß beim Spielen die Meditation und den Wannerl und die ganze Schule überhaupt. Abends im Bett verfolgte ihn die Aufgabe wieder, selbst in seinen Träumen. So träumte er einmal, dass er schwer arbeiten musste, um die Schule zu renovieren. Er schaufelte Dreck, riss Wände ein und wachte noch bevor er das Ergebnis gesehen hatte schweißgebadet auf. Das ging Tage und Wochen so. Irgendwann einmal dachte er dann, dass er sich mit der Aufgabe arrangieren müsse und gab zu, dass er in vielen Dingen andere für die Umstände und für sein Ungemach im Leben verantwortlich gemacht und erwartet hatte, dass die anderen oder irgendeine gute Macht, die sich um ihn kümmerte, ihn aus diesem Jammertal befreien sollten wie ein Lottogewinn einen plötzlich aus einer finanziellen Misere befreit. „So“, sagte er sich, „das war erledigt, jetzt hatte er seine Schuld zugegeben und seine Ohnmacht. Jetzt reichte es wirklich mit diesen Gedanken“. Er war erleichtert, dass er sich der Aufgabe gestellt und zur Wahrheit gefunden hatte und für ei
ne Weile schien er von den unheilvollen Gedanken befreit zu sein. Aber es dauerte nicht lange, da holten sie ihn wieder ein und er fragte sich wieder und wieder, was er mit seinem Leben anfangen konnte, um es besser zu machen und der Gedanke, dass er etwas finden musste, quälte ihn zunehmend. Es fiel ihm aber nichts Gescheites ein. So ging es von Wannerl – Stunde zu Wannerl – Stunde und er blieb noch immer am ersten Thema hängen ohne dass sich etwas änderte oder ihm ein vernünftiger Gedanke kam. Jedes Mal, wenn er den Raum betrat, dachte er nur:“ Dieses Mal sage ich ihm, dass es das letzte Mal ist“, und machte es dann wie immer. Er setzte sich, meditierte und schwor sich beim Hinausgehen, dass es dieses Mal wirklich das allerletzte Mal war. Zirka 3 Monate später, als die Unruhe seiner Gedanken fast schon zur Routine geworden war, fragte ihn Swen Wannerl nach der Stunde, ob er bereit wäre, an einer Trance – Reise teilzunehmen, auch wenn das für ihn vielleicht gefährlich werden könne. Er solle sich das bis zum nächsten Mal überlegen. Er hatte keinen Mut gehabt, zu fragen, was eine Trance – Reise war. Das Einzige, was er begriff, war die Tatsache, dass da eine Gefahr lauerte und in seinem Gehirn war wieder diese Leere wie bei Mathe. Er wusste einfach nichts mehr. Sein erster Gang führte ihn natürlich zu Sebastian, dem Lockenkopf, der seine Haare immer in alle Richtungen stehen hatte wie gerollte Fühler, mit denen er Kontakt zur Außenwelt aufnehmen und die relevanten Daten abfragen konnte. Er lief also in seiner Unruhe zu Sebastian und berichtete ihm von den Worten Wannerls. „Der spinnt wohl“, sagte Sebastian. „Ich dachte schon lange, dass mit dem was nicht in Ordnung ist. Ein Mensch, der nie was Richtiges isst, kann auch nichts Richtiges im Kopf haben“, war seine Logik. Das war auch sehr verständlich, denn Sebastian liebte das Essen. Er hatte immer eine Stulle auf seinem Schreibtisch liegen, an der er nagte oder ein paar Süßigkeiten, die er genüsslich mit den Worten „ Hirnnahrung“ auf der Zunge zergehen ließ, nicht ohne einen himmlischen Blick nach oben zu werfen. Dennoch war Sebastian nicht dick. Er war stark, gut gewachsen, groß und kräftig. Das kam vermutlich daher, weil er zu Hause bei der Landwirtschaft mithelfen musste und seine Kalorien abarbeitete. „Du wirst dich doch nicht darauf einlassen“, sah er mich erwartungsvoll und warnend an „Du hast doch mit deinem Leben was Besseres vor, als dich auf einen preußischen Bayern einzulassen? Du bist doch mein Freund und weißt, dass wir zusammen gehören und ich dich nicht verlieren will.“ „Kannst du mir denn erklären, was Trance überhaupt ist“ fragte ich Sebastian. „Das ist so eine Art hypnotischer Zustand“, erklärte Sebastian. „Ich habe mal einen Bericht im Radio gehört, da haben sie gesagt, dass jeder immer wieder in einem Trancezustand ist, beim Autofahren zum Beispiel oder beim Träumen.“ „Vor Hypnose habe ich Respekt“, antwortete ich ihm. „Das ist so was Dubioses. Willenlos soll man da sein und so weit ich weiß, haben sie schon Menschen in Hypnose versetzt, um sie gefügig zu machen und zu Verbrechen zu missbrauchen.“ „Ja eben“, sagte Sebastian. „Wenn er nicht was Unrechtes vorhätte, könnte er die ganze Meditationsgruppe fragen oder könnte öffentlich über sein Vorhaben reden. Da ist was oberfaul.“ „Vielleicht ist er auch schwul und will dich sexuell missbrauchen. Mit einer Frau habe ich den ja noch nie gesehen. Möglich wär`s.“ Wir zerbrachen uns noch eine Weile die Köpfe und beschlossen dann, dass es uns zu dumm sei, noch länger über die Sache nachzudenken und das Wetter zu schön. Wir machten uns auf zum nahe gelegenen See, auf dem wir rumrutschen wollten. Das Wasser war tief gefroren, so dass wir problemlos auf der dicken Eisschicht laufen konnten. Nach kurzer Zeit war uns das zu langweilig und wir kamen auf die Idee, ein Loch in das Eis zu bohren, um zu sehen, wie dick die Eisschicht war. Leider hatten wir nur einen Schraubenzieher und einen Kugelschreiber in der Tasche und so mussten wir unser Vorhaben nach kurzer Zeit aufgeben, was vielleicht ein Wink des Schicksals war, das es gut mit uns meinte. Die Nacht brach auch schon herein und so verabschiedeten wir uns mit unserem victory – Gruß und versprachen uns, am nächsten Tag mit geeignetem Werkzeug wieder zu kommen, um unsere See – Forschungen voran zu treiben. An diesem Abend war das Abendessen nicht wie sonst. Wir saßen an unserem schweren, großen, dunklen Holztisch, in den ich einmal ein Boot geritzt hatte, was zu einem mittleren Familiendrama geführt hatte. Mutter holte die dampfenden Töpfe vom Herd und stellte sie auf den Tisch, auf den sie vorher selbst gehäkelte Topflappen als Untersetzer gelegt hatte. „Was gibt es denn“, fragte Vater und man spürte, dass er Hunger hatte. „Gulasch und Nudeln“, antwortete sie. „Du wirst ein gutes Essen brauchen, wenn du so lange unterwegs warst. Und wie sieht es mit dir aus, Manuel, hast du auch Hunger? Isst du doch gern, oder?“ „Jaja“, antwortete ich und schöpfte mir raus. „Schnell essen“, dachte ich, „damit sie nicht zu viele Fragen stellen und ich gar noch etwas ausplaudere.“ Und während ich aß, beobachtete ich meine Eltern, die sich über die Firma unterhielten und stellte mir vor, sie würden mich verlieren. Mich, ihren einzigen Sohn. Das wäre gewiss ein furchtbarer Schock für sie und sie hatten es wahrlich nicht verdient. Freilich, etwas netter hätten sie oft sein können, nicht immer so auf den Zahlen herumhacken und mir öfters die gute Schweizer Schokolade kaufen, die ich so mochte, die mit den ganzen Haselnüssen. Aber im Großen und Ganzen konnte ich mich doch nicht über sie beklagen und fand, dass sie so großen Kummer nicht verdient hatten. Irgendwie schien ich sie doch gern zu haben. Ich erschrak über meine eigenen Gedanken und verzog mich, etwas über Hausaufgaben, die ich noch zu erledigen hatte, murmelnd. Draußen hatte es angefangen zu regnen. Es war föhnig geworden im Laufe des Nachmittags. Das würde eine Rutschpartie geben morgen. „Morgen“, dachte ich, „morgen, was werde ich ihm sagen“.
Mit dem Hefekloßgefühl im Bauch und einem Körper, der schmerzte als würde er in einer Fieberkrise stecken, betrachtete ich noch eine Weile die Regentropfen am Fenster, zog dann meine Kleider aus und legte mich in das mit karierter Flanellwäsche gemütlich warm überzogene Bett, in das meine Mutter wie immer im Winter eine Wärmflasche gelegt hatte. Ich zog mir die Decke über den Kopf, in der Hoffnung, wenn ich mich vor der Welt verstecken würde, käme ich um eine Entscheidung herum. Gedankenfetzen schossen durch meinen Kopf, Krieger mit Schwertern, die gegen mich kämpften, wilde Tiere, die mich anfielen, während ich in einem Dickicht von Schmutz und Schlamm die Flucht suchte und mir der Angstschweiß auf der Stirn stand und Gedanken zu Träumen wurden und mich im Schlaf weiter verfolgten. Als ich morgens von der Stimme meiner Mutter geweckt wurde, schreckte ich mit einem lauten Schrei auf, denn ich war gerade von einem Drachen mit einem riesigen Maul erfasst und durch die Lüfte geschleudert worden. „Was hast du denn geträumt“, fragte meine Mutter. Hast du wieder einen Krimi gelesen? Das hatten wir dir doch verboten. Sieh lieber zu, dass du zu deinem Schlaf kommst, damit du dich in der Schule konzentrieren kannst. Nimm dir ein Beispiel an Sebastian. Der ist ein Superschüler.“ „Ich weiß, ich weiߓ, sagte er und trottete verschlafen und geistesabwesend ins Badezimmer. „Ihr immer mit eurem Sebastian, euch werde ich es schon noch zeigen“, dachte er. Nach einer kurzen Dusche und einem noch kürzeren Rundgang durch seine Zahnreihen mit der weiß – gelb gestreiften Zahnbürste zog er sich rasch sein blaues, wollenes Unterhemd von Tante Kati und seinen rost – roten Rollkragenpulli aus Mohair über, dazu seine bunten Boxershorts und seine ausgebeulten, verwaschenen, hellblauen Jeans, seine dicken Noppensocken mit den angestrickten Zehen, in denen seine Füße wie Entenfüße aussahen und fuhr sich kurz mit der Bürste durch sein dickes, halblanges, nach hinten gekämmtes Haar, das über der Stirn eine schwungvolle Welle bildete. Ein schneller, prüfender Blick in den Spiegel sagte ihm, dass alles in Ordnung war. Zufrieden hätte er sein können mit seinem ebenmäßigen, leicht gebräunten Gesicht, dessen Symmetrie nur durch ein paar wild dahin gestreute kleine Leberfleckchen auf Wange und Hals durchbrochen war.
Seine Augen waren groß und hellbraun unter dicken Augenbrauen und wirkten immer ein bisschen melancholisch, seine Nase gerade und fast klassisch geschnitten, seine Wangenknochen markant, die Lippen geschwungen und voll. Einige erste Bartstoppeln begannen gerade, sich ihren Weg durch die Haut zu bahnen. Ein Junge voller Erwartung an das Leben, gerade 16 Jahre alt. Wie im Schlaf ging er in die Küche, wo es nach Kuchen roch und auf dem Herd ein Topf vor sich hinbrodelte. „Setz`dich , Junge“, begrüßte ihn sein Vater, der Zeitung lesend sein Müsli löffelte und wandte sich sofort wieder seinem Wirtschaftsteil zu, etwas von „wie soll das noch weitergehen in unserem Land, wenn die Leute keine Arbeit bekommen“ vor sich hin murmelnd. Die Mutter brachte ihrem Sohn eine große Tasse, gefüllt mit heißer Schokolade und ein Stück Biskuit. Er liebte Süsses am Morgen. Genüsslich löffelte er die Schokolade mit der Sahnehaube, indem er immer wieder ein winziges Stückchen von der Sahne abnahm und in das Loch, das dadurch entstanden war und aus dem die dunkle verlockende Flüssigkeit durchschimmerte, vom Löffel herab gleiten ließ, so dass sich in der Schokolade Schlieren bildeten. So aß er die Schokolade am liebsten. Gerade noch eine Ahnung von Sahne und Bewegung in der dunklen, schweren Schokolade.
Bestimmt eine Stunde hätte er so zubringen können, wenn nicht sein Vater ruckartig wie üblich aufgesprungen wäre und fast in Schräglage das Zimmer verlassen hätte, als würde es jetzt um die Wurst gehen, ihm noch schnell einen flüchtigen Klaps auf die Wange werfend im Vorbeigehen. „Für dich wird`s auch Zeit“, hörte er seine Mutter und so trank er den bereits abgekühlten Rest aus der Tasse, stopfte den Kuchen vollends in seinen Mund und zog sich noch kauend seine braune, gesteppte Winterjacke über. „Pass gut auf, Manuel“, ermahnte ihn seine Mutter im Gehen, während sie ihm ebenfalls einen kleinen Klaps auf die Schulter gab. „Hast du einen Wunsch für das Mittagessen?“
„Mach einfach was“, antwortete Manuel, schnappte seinen dunkelblauen Schulranzen, der eigentlich ein Seesack war und aussah, als hätte er schon bessere Tage gehabt, zog sich seine halbhohen Lederstiefel über, die innen fellbesetzt waren und trabte los. Er schlug hörbar die Türe hinter sich zu und rutschte leicht den abfallenden Gehweg hinab. Kurz sah er sich noch mal um, was sonst nicht seine Art war, betrachtete sein Elternhaus, das aus braunem Fachwerk bestand, den Schornstein, aus dem Rauch aufstieg, das vom Vater selbst gebaute Vogelhäuschen, das eine kleine Eishaube trug, denn über Nacht hatte es wieder angezogen und der Regen war gefroren. Friedlich sah das alles aus, dachte er, während er in Richtung Straße ging, hinab zum rotbraunen , zweistöckigen, flachen Ziegelgebäude, das seit einigen Jahren seine zweite Heimat geworden war. Wie der Gang zum Schafott, kam ihm dieser Weg vor. Musste er dies jetzt alles verlassen? Er spürte, dass er wieder nicht nein sagen konnte und auch seine Neugier nicht bezähmen konnte. Aber er würde sich diesen Wannerl vorknöpfen. So einfach konnte ihn der nicht ins Unglück jagen. Er würde sich vor ihn hinstellen und ihn auffordern, ihm zu sagen, worum es ging. Versprechen musste er ihm, dass er ihn nicht ins Verderben oder ins Verbrechen treiben würde, dass er ihn nicht unter Drogen setzen würde oder sonst eine Schweinerei mit ihm vorhatte. Und dann würde er mit klarem Verstand entscheiden, ob er sich hinreißen lassen würde, mitzumachen. Jetzt hatte er eine Stunde Mathe und anschließend war eine Hohlstunde, da wollte er ihn treffen im Meditationsraum. Das hatten sie vereinbart. Mathe war an diesem Tag noch schlimmer wie sonst und Wurz noch unerträglicher. Das Beste für ihn war, heute nicht aufzufallen. So schaute er in sein Buch, als ob er augenblicklich beginnen würde, sich um den Ernst dieses Faches zu bemühen und nur ja nicht dabei gestört werden dürfe. Wurz schien das zur Kenntnis und von ihm nicht weiter Notiz zu nehmen. Das hatte er also hinbekommen. Die Pausenglocke schellte wie eine alte Kasernenglocke, die ihre Schläfer zum Krieg rufen muss, so dass man unweigerlich aufschreckte. Er schmiss sein Heft in den Seesack, selbigen über die Schulter und ging zügigen Schrittes und wortlos aus dem Zimmer in den zweiten Stock. Wannerl erwartete ihn schon und lächelte ihn freundlich an. „Schön, dass du gekommen bist, Manuel. Du musst auch nichts befürchten. Ich werde, solange ich lebe, bei dir sein und dich begleiten. Es geschieht nichts Unrechtes, das musst du mir glauben. Das alles ist für eine gute Sache. Es ist nur so wie mit vielen Entscheidungen, die man im Leben trifft, dass man vielleicht plötzlich merkt, dass es kein Zurück mehr gibt, dass man da eine Sache angefangen hat, die einem keine freie Wahl mehr lässt und von der man nicht weiß, wohin sie einen führt“. Geh jetzt und hole Deine Turnmatte und setzt dich hin wie immer. Ich werde dir gegenüber sitzen und du musst nichts anderes tun, als in meine Augen schauen und auf meine Worte hören. Manuel holte die Matte, spürte, dass seine Knie weich wurden und seine Hände zitterten, setzte sich hin und spürte sein Herz bis zum Hals klopfen wie nach einem Sprint beim Sportunterricht. Sein Atem ging schwer und er hatte das Gefühl, die Brust sei zu eng und er könne nicht genug Sauerstoff bekommen. Er hatte Angst. Swen Wannerl hatte sich inzwischen fußbreit ihm direkt gegenüber gesetzt, wie er im Schneidersitz und begann mit den Worten: “Schau mir einfach nur in die Augen, Manuel. Du siehst meine Augen, spürst
Deinen Atem, fühlst die noch kalte Turnmatte unter dir, hast deine Hände auf deinem Schoß liegen und spürst ihre Berührung mit deinem Körper, hörst das Lachen und Reden deiner Kameraden draußen und wirst ruhiger und ruhiger. Du trägst heute deinen rostroten Pulli, fühlst, wie deine blaue Jeans Kontakt mit deiner Haut an den Oberschenkeln hat, spürst die Sonnenstrahlen, die von draußen hereinkommen, auf deinem Gesicht, bist noch ein wenig nervös und spürst dein Herz stärker klopfen als sonst und hörst jetzt meine Stimme nur noch wie durch einen dichten Nebel, und siehst, dass meine Augen smaragdgrün sind und dich magisch anziehen, so dass du deinen Blick nicht mehr von ihnen wenden kannst. Du spürst meinen Atem, wenn ich mit dir rede, hörst meine Stimme, spürst die Wärme der Sonnenstrahlen auf deinem Gesicht und vergisst alles um dich herum, empfindest ein Gefühl wie kurz vor dem Einschlafen und kannst deinen eigenen Körper jetzt nicht mehr fühlen. Du hörst die Kinder im ersten Stock über den Holzboden laufen, du hörst den Boden unter ihren Füßen knarren und bist jetzt so tief entspannt wie im Schlaf, betrachtest meine smaragdgrünen Augen und erkennst, dass sie die Form eines Kristalls haben, und du hörst einen Ton wie durch einen Kopfhörer hindurch, der deine Aufmerksamkeit in eine Richtung lenkt. Du hörst die Pausenglocke schrillen und kannst jetzt erkennen, dass sich meine Kristallaugen drehen, zu rotieren anfangen, meine Stimme nur noch wie eine Symphonie, ein Tongemisch zu dir dringt, du fühlst, wie sich dein Körper verdichtet, als würde er sich nur noch auf den Kern, auf das Wesentliche konzentrieren, du dich langsam zurücklegst, ohne auch nur den Untergrund zu spüren und die Augen weit aufmachst, um alles um dich herum zu sehen. Wir befinden uns jetzt nebeneinander und du kannst Lichtblitze erkennen und in weichen Farben wunderschön getönte Nebelschwaden, die in irrsinniger Geschwindigkeit vorbeiflitzen. Immer wieder kreuzen neue Formen und Gestalten, die aus dem Nichts heraus auftauchen, unseren Weg. Dein Körper fühlt sich an wie in einem Moment höchster Geschwindigkeit, wenn du in einer Achterbahn in die Tiefe eintauchst. Du bist völlig fasziniert von der Schönheit der Farben und Formen und vergisst dein Angstgefühl im Bauch, musst nur unablässig hinausschauen und hörst jetzt auch die feinen Töne da draußen. Wie eine Mischung aus Harfentönen und dem Singen von Walen hört es sich an. Du bist ganz entrückt und kommst erst wieder zu dir als die Geschwindigkeit langsam abnimmt und wir wieder zur Ruhe kommen.
„Wo sind wir hier“, hörte er sich fragen, während er unablässig, ohne seinen Kopf seinem Gegenüber zuzuwenden nach draußen starrte und keine Antwort zu erwarten schien. Er sah Bäume oder so etwas wie Bäume. Sie hatten eine ähnliche Form wie die, die er kannte, wirkten nur runder, so als ob sie von einem durchsichtigen Handschuh überzogen wären, und farbiger. Sie sahen grün aus, strahlten jedoch wie eine Lichtquelle und nahmen an Farbintensität nach innen hin zu. Etwas in ihnen schien sich auch zu bewegen wie Lava, die langsam von innen nach außen floss, um sich schließlich in einem hellen Lichtnebel in der Umgebung aufzulösen. Alles wirkte strahlender, lebendiger, farbiger als das, was er bisher kannte. So ähnlich hatte er sich die Welt der Atome vorgestellt im Chemieunterricht, ein Flimmern und Flackern, eine ständige Bewegung ohne Änderung der äußeren Gestalt. Die Felsformationen, die in der Ferne auftauchten, waren in gleicher Weise in Bewegung und beinhalteten fast alle Farben des Spektrums. „Sieh dort“, hörte er die vertraute Stimme Wannerls, der mit seiner Hand nach rechts zeigte. Die Hand war aber nicht mehr dieselbe wie die, die er gekannt hatte. Er erschrak. Die Hand hatte menschliche Züge, war aber weicher in der Form, war ebenfalls abgerundet wie mit einem Handschuh überzogen und bestand wie die Bäume aus mehreren Lichtschichten, die sich nach innen hin verdichteten. Er spürte sich plötzlich wieder und spürte auch die Angst in sich aufsteigen. Wo war er hier und was war mit Wannerl geschehen. War er vielleicht tot und schon im Jenseits? Er wagte es nicht, Wannerl anzublicken und richtete seine Augen in die Richtung, in die jener deutete. Da sah er eine Gruppe kleiner Gestalten mit an Menschen erinnernden Körpern, die aber wie die Bäume und wie Wannerls Hand aus mehreren Farb – und Lichtschichten bestanden, eine abgerundete Form hatten und fast ein wenig drollig und tollpatschig wirkten und die durch ihren Lichtüberzug zur Umgebung hin nicht vollkommen abgrenzbar zu sein schienen. „Du musst keine Angst haben“, sagte Wannerl als hätte er in ihn hineinschauen können. „Das sind ein paar unserer Kinder“, kommentierte er, nicht ohne Stolz in der Stimme. „Sind sie nicht wunderschön?“
Ich musste zugeben, dass sie eine Augenweide waren in ihren farbig leuchtenden putzigen Gestalten, die sich etwas schneller zu bewegen schienen als die Menschen und von denen er Lachen und Freudenschreie vernahm. Er sah, wie sie sich häufig paarweise gegenüber standen und ihre Handflächen aneinander legten ohne sich wirklich zu berühren und dabei sehr konzentriert zu sein schienen. „Was tun sie da?“, fragte er Wannerl, während der es endlich wagte, ihn anzublicken. Er sah aus wie sie. Er bestand aus Farbschichten, die leuchteten und zum Inneren hin intensiver wurden und seine Augen waren noch immer smaragdgrün und hatten Kristallform. „Sie lernen, einander zu verstehen“, antwortete er. „Sie lernen, sich mit ihren Gefühlen in den anderen hineinversetzen, indem sie seine Energie spüren und aufnehmen. Die Hände sind die Energiefühler.“ „Und wozu das?“, schüttelte ich den Kopf unverständlich. „Unsere Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unsere Gehirnstruktur aus vielen Bereichen und Schichten besteht. Die älteste Schicht, mit der wir am meisten Wissen angehäuft haben, ist die der Gefühle. Sie steuert unser Denken und unseren Körper. Das habt ihr auf der Erde noch nicht begriffen, bemerkte er. Ihr glaubt tatsächlich noch an die Priorität des Denkens, an die Macht eurer Großhirnrinde, obwohl ihr bereits wisst, dass zuerst Gefühle entstehen, bevor in einem Bruchteil einer Millisekunde Gedanken daraus werden. Ihr habt die Zusammenhänge noch nicht erkannt. Ihr glaubt, dass Körper und Seele und Denken voneinander getrennt sind und benehmt euch meistens so. Ihr habt noch nicht erkannt, dass alles eins ist und ihr das pflegen müsst, was euch am meisten vertraut ist, was ihr am besten könnt. Ihr habt auch noch nicht erkannt, dass der Feind nur in euch selbst ist, in euren Gefühlen. Ihr glaubt, dass ihr euch abgrenzen müsst gegen andere, die ihr Feinde nennt, gegen andere Lebewesen und gegen die Natur, weil ihr die Energiestrahlen nicht sehen könnt, weil ihr nicht wahrnehmen könnt, dass alles sich in seiner Umgebung auflöst und eine Energie in die andere übergeht, dass es in Wirklichkeit keine Grenzen gibt. Darum leidet ihr so und zerstört so viel. Darum leidet euer Planet und keucht unter der Last, die ihr ihm aufbürdet. Darum habt ihr keine wirkliche Freude in euren Herzen und seid mit nichts zufrieden. Ihr forscht und forscht und strebt und arbeitet und beachtet nicht die wichtigsten Gesetze des Seins. Ihr wählt Ethik als Nebenfach, weil ihr noch nicht begriffen habt, dass Ethik das Hauptfach ist, aus dem sich alle anderen Fächer herausbilden. Dir will ich alles hier zeigen, damit du verstehen lernst.“ „Warum gerade mir? Wäre es nicht klüger gewesen, meinen Freund Sebastian zu fragen? Der ist doch viel gescheiter als ich.“ Besser rechnen kann der vielleicht und hat mehr Daten im Kopf als du. Du hast Fantasie und viele Interessen. Du bist neugierig und kannst dich auf Neues einlassen. Du bist voller Furcht und kannst sie überwinden. Du bist ständig auf der Suche und weißt nie, wo du hin willst. Du hast kein fertiges Programm im Kopf. Und vor allem du hast Träume. Deshalb wählten wir dich. „Und was soll mit mir geschehen? Was habt ihr mit mir vor? Wozu wollt ihr mich benutzen? Werde ich euer Versuchskaninchen sein?“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Wannerl, dessen Stimme viel variantenreicher und begeisterter klang als in der Schule. Alles hat damit angefangen, dass mein Vater, der Kapitän war und ein Passagierschiff unter seinem Kommando hatte, auf dem sich viele reiche Leute herum- und sich ihre Zeit vertrieben, eines Tages von einem indischen Geschäftsmann angeheuert wurde, der das Schiff für ein ganzes Jahr mietete und mit seinen Gefolgsleuten eine Reise unternahm, deren Ziel er nach und nach festlegen würde, wie er zu meinem Vater sagte. Anfangs schien alles wie immer zu laufen. Vater sollte zunächst einen Hafen in der Türkei ansteuern. Er sorgte wie immer für viel Unterhaltung auf dem Schiff. Da auch Frauen an Bord waren, wurden Feste gefeiert und Bälle abgehalten. Es gab prächtige Buffets mit den besten Speisen
Und Getränken, die man sich vorstellen kann. Es wurde an nichts gespart. Meinem Vater war klar, dass dieser Inder, der immer mit einer Tunika und einem Turban gekleidet war und einen edlen Eindruck machte, so viel Geld haben musste wie er es sich nicht einmal vorstellen konnte. Nachdem sie in Ankara angekommen waren und dort ein paar Tage Aufenthalt hatten, ging die Fahrt weiter nach Griechenland. Während des Aufenthalts hatte der Inder, den alle Mister Surain nannten, eine ganze Schar seiner Bediensteten in die Stadt geschickt. Nachdem diese mit großen Paketen und Kisten zurückkamen, hatte er angenommen, dass Mister Surain in den verschiedensten Orten der Welt Ware einkaufte, um sie wieder zu verkaufen, zumal sich das immer gleiche Ritual in allen Städten, die sie anliefen, auf immer gleiche Weise wiederholte. Nachdem bereits viele Wochen vergangen waren und er immer wieder beim Käpten`sdinner mit Mister Surain geredet hatte, erfuhr er, dass Mister Surain viele Freunde, aber keine Familie hatte. Es gab auch keine Missis Surain. O wie es schien, war Mister Surain ein einsamer Mann, sehr belesen und weit gereist, ein Mann, der Reichtum liebte und sich in guter Gesellschaft wohl fühlte, der viel auf äußere Umgangsformen bedacht war, der aber nicht all zu viel von sich erzählte. So wirkte er immer etwas Geheimnis umwittert und viele bewunderten ihn und hätten gerne hinter sein Geheimnis geblickt. Er war auch immer von schönen Frauen umgeben. Man wusste nicht so recht, liebten sie ihn wegen seines vielen Geldes, das er ausgab, um es sich und anderen besonders schön zu machen oder wegen seines edlen, geheimnisvollen Auftretens und seiner Bildung. Eines Abends, Mister Surain hatte an diesem Tag ein großes Fest anlässlich seines 60. Geburtstages gegeben mit anschließendem großen Feuerwerk an Deck des Schiffes, trank er anschließend mit meinem Vater Champagner, während sein Blick in die Nacht des Meeres blickte und er französische petit fours kabberte, die er so liebte und – man kann darüber grübeln, ob es jetzt dem Champagner zu verdanken war oder der guten Stimmung, die das schöne Fest auf dem ganzen Schiff verbreitet hatte, ob es seine Einsamkeit war, die er nun endlich mit jemandem teilen wollte oder ob er einfach einen Verbündeten suchte – jedenfalls muss er sich die halbe Nacht mit meinem Vater unterhalten haben, wobei es sehr fröhlich zugegangen sein muss und sie jedenfalls ewige Freundschaft schlossen, bevor sie sich in ihre Kajüten verzogen und sich ins Bett fallen ließen. Ich weiß von meinem Vater nur, dass sie daraufhin wohl sehr oft zusammen saßen und sich Geschichten erzählten, diskutierten und sich auch die Zeit mit Kartenspiel vertrieben. Und so kam es wohl, dass Mister Surain meinem Vater eines Tages sein Geheimnis anvertraute, nicht ohne ihm vorher das Versprechen abzunehmen, dass er es niemals vor seinem Tod und vor dem eigenen Tod meines Vaters preisgeben dürfe. Mister Surain erzählte, dass er auf der Suche sei nach dem großen Geheimnis, von dem er in einem alten Priesterbuch erfahren habe, als er einige Wochen in einem alten indischen Kloster verbrachte, um über sein Leben nachzudenken. Das große Geheimnis des Winddhura wolle er finden, damit er seinen Reichtum vergrößern könne und einen Schatz von unendlicher Schönheit finden, der nur als einzigartig beschrieben sei, von dem er aber nichts weiter wisse. Um diesen Schatz zu finden, sei er auf der Reise. Dazu brauche er einige Gegenstände, die er jetzt überall auf der Welt suchen und beschaffen müsse. Einer dieser Gegenstände sei ein Teppich gewesen, auf dem eine Landkarte eingeknüpft sei, die nur durch ein spezielles Färbeverfahren sichtbar gemacht werden könne. Ohne diese Farbe sähe dieser Teppich aus wie jeder andere auch. Viele Generationen hätten an diesem großen Teppich geknüpft, da nur immer ein Teil davon auf Auftrag hätte gearbeitet werden können, um die Landkarte als Geheimnis zu bewahren. Nun sei er aber fertig gestellt und in einem Landhaus in Ankara als Wandbehang für einen Musiksaal aufgehängt worden und es sei ihm nach vielen Verhandlungen und mit viel Geld gelungen, diesen Teppich zu erwerben. Sogleich habe er Teppichfärber beauftragt, die Farbe herzustellen, die nach einem alten Rezept hergestellt werden musste, da sonst die Gefahr bestand, dass der Teppich zerstört werde und somit sein Geheimnis mit ihm verloren gehe. Momentan ersinne er noch einen Plan, wie er seine Färber tätig werden lassen konnte, ohne ihnen das Geheimnis zu verraten. Mein Vater empfahl ihm dies in Schichtarbeit durchführen zu lassen, wobei immer nur ein bestimmter Teil des Teppichs von einem Färber bearbeitet werden dürfe. Diesen Teil solle man nach einem vorher angefertigten geographischen Muster vorbereiten, während man den Rest des Teppichs jeweils abdecken müsse. Der Vorschlag hatte Mister Surain gefallen und so wurde es schließlich umgesetzt. Nach mehrwöchiger Arbeit war es dann so weit und sie hatten sich zusammen das Meisterwerk angesehen, einen Teppich, der schon allein durch seinen dichten, seidigen Flor und seine Farbenpracht bestach und in dessen meisterlichen Motiven, die von Fabelwesen zu erzählen schienen, in winzigen Rauten Teile einer Landkarte eingefügt war.

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